Operette? Ein wenig verstaubt, vorhersehbar und vor allem etwas für Nostalgiker? Wer so denkt, hätte diese „Gräfin Mariza“ sehen müssen.
Trix und ich besuchten die letzte Vorstellung der Saison im Kongress & TheaterHaus Bad Ischl – und erlebten eine Vorstellung voller Musik, Humor und überraschender Momente. Vor allem aber eine Inszenierung, die bewies, dass eine Operette aus dem Jahr 1924 sehr viel über unser heutiges Leben erzählen kann.

Mehr als ein musikalischer Klassiker
Emmerich Kálmáns „Gräfin Mariza“ wurde 1924 im Theater an der Wien uraufgeführt und gehört bis heute zu den großen Klassikern der Operettenliteratur. Die Geschichte scheint zunächst alles zu bieten, was man von diesem Genre erwartet: eine wohlhabende Gräfin, einen verarmten Baron, eine erfundene Verlobung, Missverständnisse, Eifersucht und natürlich die Suche nach der großen Liebe.
Gräfin Mariza zieht sich auf ihr ungarisches Landgut zurück, um ihren zahlreichen Verehrern zu entkommen. Zu diesem Zweck erfindet sie kurzerhand einen Verlobten namens Baron Zsupán. Was sie nicht ahnt: Diesen Mann gibt es tatsächlich – und er steht plötzlich höchst lebendig vor ihr.
Gleichzeitig arbeitet der verarmte Baron Tassilo inkognito als Verwalter auf ihrem Gut. Auch er verbirgt seine wahre Identität. Damit begegnen einander zwei Menschen, die sich voreinander schützen möchten und doch immer stärker zueinander hingezogen fühlen.

Hinter Rollen und Fassaden
Regisseurin Angela Schweiger holt diese Geschichte mit viel Gespür in unsere Zeit. Dabei wird der Klassiker nicht krampfhaft modernisiert. Die Inszenierung legt vielmehr frei, was längst in ihm steckt: Menschen verstecken sich hinter gesellschaftlichen Rollen und sorgsam aufgebauten Fassaden. Sie sehnen sich nach Liebe und Halt, haben aber Angst davor, ihre Verletzlichkeit zu zeigen.
Das ist heute mindestens ebenso aktuell wie vor 100 Jahren.
Mariza wirkt selbstbewusst, unabhängig und unangreifbar. Doch hinter dieser Fassade steht eine Frau, die enttäuscht wurde und sich vor neuen Verletzungen schützen möchte. Tassilo wiederum verschweigt seine Herkunft und seinen sozialen Abstieg. Beide müssen erst lernen, den Mut aufzubringen, sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind.
Bei aller Nachdenklichkeit bleibt diese „Gräfin Mariza“ aber das, was Operette unbedingt sein soll: temperamentvoll, unterhaltsam und voller Lebensfreude.
Bekannte Melodien, überraschende Bilder
Natürlich fehlen die berühmten Melodien nicht. „Komm mit nach Varaždin“, „Komm, Bruder“ oder „Einmal möcht’ ich wieder tanzen“ entfalten auch mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung ihre Wirkung.
Doch zwischen den großen musikalischen Momenten sind es oft die kleinen, humorvollen Details, die der Aufführung ihre besondere Frische verleihen. Immer wieder tauchen augenzwinkernde Beobachtungen und überraschende Einfälle auf, die das Geschehen spielerisch in unsere Gegenwart holen. Vieles geschieht beinahe nebenbei – und gerade deshalb funktioniert es so gut.
Die Inszenierung nimmt die Figuren ernst, ohne ihnen ihren Humor zu nehmen. Sie darf ausgelassen, manchmal ein wenig verrückt und herrlich überdreht sein, verliert dabei aber nie den emotionalen Kern der Geschichte.
Ein Ensemble voller Energie
Bryony Dwyer gestaltet die Mariza mit großer stimmlicher Präsenz und einer überzeugenden Mischung aus Stärke, Eleganz und Verletzlichkeit. Lukas Karzel sorgt als Kolomán Zsupán für herrlich komische Momente und beweist dabei ausgezeichnetes Gespür für Timing.
Daniel Pataky als Tassilo, Martin Achrainer als Populescu und die weiteren Mitglieder des Ensembles tragen dazu bei, dass der Abend nie an Tempo verliert. Besonders begeistert hat uns auch das Tanzensemble. Mit enormer Energie, Präzision und sichtbarer Spielfreude macht es aus vielen Szenen kleine Ereignisse. Dazu kommen der phantastische Chor des Lehár Festivals und das Franz-Lehár-Orchester unter der musikalischen Leitung von Marius Burkert.

Beim farbenprächtigen Finale hält uns die Begeisterung kaum noch auf den Sitzen. Der Applaus ist entsprechend herzlich – und man verlässt das Theater mit einem Lächeln.
Vorfreude auf 2027
Das Lehár Festival Bad Ischl gilt als größtes Operettenfestival Europas. Nach dieser „Gräfin Mariza“ verstehen wir noch besser, warum es weit über Österreich hinaus einen so ausgezeichneten Ruf genießt.
Vor allem aber macht diese gelungene Inszenierung Lust auf das nächste Jahr. 2027 stehen „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár, „Gasparone“ von Carl Millöcker und „Die lustigen Nibelungen“ von Oscar Straus auf dem Programm.
Programm und Informationen: leharfestival.at ↗
Nach unserer heutigen Erfahrung freuen wir uns schon jetzt auf diese drei Produktionen. Denn Bad Ischl zeigt, wie lebendig, überraschend und gegenwärtig Operette sein kann – sogar mehr als 100 Jahre nach ihrer Uraufführung.
Fazit
Wer glaubt, Operette sei ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, sollte ihr in Bad Ischl eine neue Chance geben. Es könnte der Beginn einer unerwarteten Leidenschaft sein.
